12.03.2001 - Führung durch die Geriatrie im Klinikum Coburg mit Chefarzt Dr. med. Johannes W. Kraft Auf Einladung von Herrn Dr. Kraft durften wir uns diesmal die Geriatrie in Coburg ansehen. Vorher erzählte uns Herr Dr. Kraft einiges über die Klinik: In einem Radius von ca. 30 Kilometer um Coburg stehen heute etwa 800 Reha-Betten zur Verfügung, davon aber nur hier die 30 Betten (unter 5%!) in einer speziellen Fachklinik für Geriatrische Rehabilitation mit entsprechend weitergebildeten Pflegern und Therapeuten unter der Leitung eines Geriaters, und das, obwohl bereits mehr als 60% der Betten im Akutklinikum von Patienten im Alter über 60 Jahre belegt werden. Im August 1996 wurde die Abteilung Geriatrische Rehabilitation eröffnet. Eigentlich ist sie eine eigenständige kleine Fachklinik unter dem Dach des Klinikums Coburg. Durch das Vorhandensein aller Fachdisziplinen am Haus gibt es mehr Möglichkeiten als bei einer isolierten Stroke Unit und diese Bezeichnung wird auch nur in Einheit mit einer Neurologischen Klinik verwendet. Hingegen verfügen Stroke Units nicht grundsätzlich über Abteilungen der Inneren Medizin. Dabei sollte man z.B. berücksichtigen, dass ca 1/3 aller Schlaganfälle ihre Ursache am Herzen haben, und das setzt immer eine Betreuung, bzw. Behandlung in der Inneren Medizin voraus. Der Schlaganfall hat seine Ursache meist in einer internistisch zu erfassenden individuellen Risikokonstellation eines Patienten, die es zu klären gilt. Die Coburger Geriatrie kann bei Bedarf unter anderem CT, Kernspin, Lyse, Stentimplantation sowie das gesamte notwendige Arsenal eines mit der Universität verbundenen Schwerpunktklinikums einsetzen,gleichzeitig alle therapeutischen Optionen eines Rehaklinikums bereithalten, wie z.B. ein großes Bewegungsbad, u.a. Bobaththerapie, FOT (spez. Schlucktraining), neuropsychologisch orientierte Computertherapien (z.B. bei Wahrnehmungsstörungen wie Neglekt u.a.) und verfügt rund um die Uhr ohne lange Fahrten über alle erforderlichen akutmedizinischen Möglichkeiten, wie Kardiologie, Gastroenterologie, Nephrologie, Urologie, sämtliche chir. Disziplinen einschl. Frauenklinik, Augenärzte, HNO, Onkologie, Strahlentherapie, Kieferchirurgie usw. Sie besitzt zwar keinen See mit Park, kann sich aber durch die unmittelbare Wohnortnähe und die dadurch mögliche optimale Vernetzung mit nachversorgenden Strukturen (Angehörige, Hausärzte, Pflegedienste, Selbsthilfegruppen, ambulante Therapeuten vor Ort usw.) um die Wiedereingliederung der Betroffenen persönlich in einem familiären und persönlichen Ambiente nahtlos kümmern. Die Abteilung befindet sich im früheren Haupthaus des Klinikums, der sog. Gottwaldschen Villa, nach der notwendigen Erweiterung sollen im Gebäude ca. 50 Betten bereitstehen, wobei Wert auf Übersichtlichkeit und familiäres Ambiente gelegt wird. Ab diesem Zeitpunkt plant man, da dies von Patienten immer häufiger gewünscht wird, auch ambulante Behandlung und bei Bedarf auch einen eigenen Neurologen. Neuropsychologische Diagnostik und Therapie ist bereits jetzt Teil des Therapiekonzeptes. Zur Zeit werden bei Bedarf zusätzlich die Neurologen der näheren Umgebung hinzugezogen, um die nahtlose Versorgung nach Entlassung sicherzustellen. Die Erweiterung begründet sich in derzeitigen Wartezeiten von bis zu 8 Wochen, nur ca. 25% der anfragenden Patienten erhalten überhaupt einen Platz und die anderen müssen an andere Rehakliniken weiter vermittelt werden. Da verfügen Rodach und Staffelstein meist auch über freie Betten für leichtere Schlaganfälle oder Patienten, bei denen keine Multimorbidität vorliegt und die dadurch nicht die Intensität und das breite Spektrum der geriatrischen Reha benötigen. Eine Stärke dieser Fachklinik, die als Coburger Modell gilt, liegt u.a. im ausschließlichen Fachpersonal, die alle nach dem Bobath-Konzept arbeiten. Ausreichendes und gut qualifiziertes Personal ist der Schlüssel für den Erfolg und die gute Akzeptanz bei Patienten wie zuweisenden Kliniken und Ärzten. Als Beispiel erlitt eine Frau vor Aufnahme in kurzer Folge 3 Schlaganfälle hintereinander. Da sie hier bis zu 12 Therapien am Tag erhielt, zeigte sie relativ schnell gute Fortschritte, die mit weniger Zuwendung gar nicht möglich gewesen wären. Das Coburger Konzept der Geriatrischen Reha ("Wohnortnahe geriatrische Rehabilitation an einem Schwerpunktklinikum mit allen notwendigen diagnostischen und therapeutischen Möglichkeiten rund um die Uhr") hat neben einer Auszeichnung auf der Medica auch sonst bereits viel Beachtung gefunden. So übernehmen andere Kliniken, die später eröffnet wurden, das hier erfolgreiche integrierte Konzept. Zur Definition: Geriatrie heißt Altersheilkunde. Geriater sind Spezialisten im Umgang und bei der erfolgreichen Behandlung von Patienten, die von mehreren Erkrankungen gleichzeitig betroffen sind, bzw. Behinderungen nach akuter Erkrankung davongetragen haben. Auch die Prävention, das heißt das "Gesunde Alt werden" ist ein Spezialgebiet der Geriater. Die meisten Patienten liegen im Durchschnittsalter von 70-90 Jahren. Es werden auch jüngere Patienten angenommen, z.B. wenn spezielle Behandlungsmethoden in anderen Kliniken nicht möglich sind. Der ideale Ablauf wäre nach einem entsprechenden Akutereignis (z.B. Schlaganfall beim älteren Patienten), ca. 3-5 Tage intensive Diagnostik und dabei bereits möglichst schnell die notwendige Therapie einleiten, um noch nicht geschädigtes Gehirngewebe zu retten. Dann gleich nach der Akutmedizin in die Geriatrie, wobei noch vor Aufnahme ein therapeutisches Gesamt-Konzept in der Zusammenarbeit Akutklinik-Geriatrische Rehaklinik individuell und in Absprache mit Patient, Angehörigen und Hausarzt erstellt wird. Bei Erfolg, und das sind bei der Coburger Geriatrie knapp 90%, kann der Patient dann nach Hause entlassen werden. Bei schweren Fällen kann einer intensiven Frührehaphase die Sicherung der Versorgung angeschlossen werden, nachgefolgt je nach weiterem Rehapotential eine erneute, kürzere Reha, dazwischen auch ambulante Rehabilitation. Geriatrische Rehabilitation zeichnet sich immer durch einen individuellen am einzelnen Patienten orientierten, ganzheitlichen und auch das Umfeld des Patienten berücksichtigenden Ansatz aus. Für die gewünschte Entlassung nach Hause schließt das Konzept der Geriatrie die Umfeld- und Wohnraumplanung mit ein. Bei Bedarf begutachtet jemand im Auftrag der Geriatrie die Wohnräume das Betroffenen und erstellt einen Plan mit behindertengerechten Umbauten (z.B. keine Türschwellen, ausreichende Türbreiten, Griffe im Sanitärbereich, Treppenlift, usw.). Die Hilfsmittelversorgung muß zu den individuellen Erfordernissen des einzelnen Patienten passen. Alles Erforderliche muß natürlich fertig sein, sobald der Patient aus der Klinik entlassen wird. Außerdem werden Pflegediensteinsätze und ähnliches gleich miterfasst, damit nach der Rückkehr des Patienten möglichst wenig Probleme entstehen und er die besten Möglichkeiten für die Wiedereingliederung erhält. Die Ziele der Geriatrie sind Lebensqualität, das beinhaltet Wohlbefinden, Selbständigkeit/Autonomie und, ebenso sehr wichtig, die Beachtung der persönlichen Würde. Man sollte bei allem eines nicht vergessen: Auch kleine Verbesserungen des Selbsthilfestatus können für Patient und Pflegeperson entscheidende Verbesserungen der Lebensqualität bedeuten! Nach dem Vortrag beantwortete Herr Dr. Kraft noch einige Fragen: Wird auch die Vojta-Therapie in der Coburger Geriatrie eingesetzt? Ja, je nach Bedarf im Einzelfall. Sie wurde erst für die Kinderbehandlung enwickelt und ist noch nicht lange als Therapie für Schlaganfallbetroffene bekannt. Die Prinzipien der Vojtatherapie lassen sich bei einzelnen Patienten gut in das Bobathkonzept integrieren. Sind Ihnen Behandlungsmethoden gegen Missempfinden bekannt? Mit Medikamenten wie z.B. Tegretal (Carbamazepin) und in letzter Zeit Neurontin können gute Erfolge erreicht werden. Wie kann ich einem Schlaganfall vorbeugen? Zuerst sollte man berücksichtigen, dass der Schlaganfall mittlerweile nach Herrzinfarkt und Krebs auf Platz 3 der häufigsten Todesursachen steht. Mal von einem gesunden Lebenswandel abgesehen gibt es auch neue Erkenntnisse, die nicht bei normalen Gesundheitsuntersuchungen mit erfasst werden. Die meisten Ursachen von Schlaganfällen liegen im internistischen Bereich. Beispiele sind Risikofaktoren wie Herzrhythmusstörungen, Arteriosklerose der hirnversorgenden Gefäße, Hochdruck, Rauchen, Zuckerkrankheit, Fettstoffwechselstörungen. Es gibt jedoch auch seltenere oder weniger bekannte Risikofaktoren, die während der geriatrischen Rehabilitation diagnostiziert und behandelt werden, z.B. das Cadasilsyndrom, um nur ein sehr seltenes Beispiel zu nennen, oder das Antikardiolipinsyndrom. Ein eventueller Folsäuremangel bzw. eine Homocysteinämie (auch ein Schlaganfallrisiko) werden nur durch spezielle Tests festgestellt. Entscheidend ist hierbei, daß in der Rehaklinik die diagnostischen Möglichkeiten und das entsprechende internistische Know-How vorhanden sind. Zur Prävention gibt es neben der Behandlung und Beachtung der allseits bekannten Risikofaktoren auch neuere Erkenntnisse, die während der Rehaphase vermittelt werden. Einige Beispiele aus einer Vielzahl von Erkenntnissen: Das Trinken von schwarzem Tee ist mit einem verminderten Risiko für Schlaganfälle verbunden (schützende sekundäre Pflanzenstoffe), Bier in Maßen kann gesund sein (aber z.B. bei einem Mann maximal ein Liter am Tag!, ein Alkoholschaden darf allerdings nicht vorliegen) und auch der tägliche Schoppen Rotwein (und auch roter Traubensaft) enthält positiv wirkende Flavonoide, diese Menge sollte jedoch nicht größer sein, da sonst der schädliche Einfluß des Alkohols überwiegt. Vitamin B6 und B12 und Folsäure (kommt z.B. im grünem Gemüse, doch leider nur in geringer Menge, vor) und pflanzliche Ernährung besitzen günstige Einflüsse. Um die Angst vor einem (eventuell wiederholten) Schlaganfall und die Rezidivgefahr zu reduzieren, wird in der Geriatrie sehr viel Wert auf die Erforschung der Ursachen und danach auch auf eine gute und individuelle Einstellung der Medikamente gelegt. Dazu gehört unter anderem eine schriftliche Patienteninformation mit wichtigen Hinweisen für das weitere Verhalten des Patienten und ein Ärztezettel mit Angaben, welche Medikamente und weitere Behandlung positiv wirken sollten. Den kompletten ausführlichen individuellen Bericht inkl. weiterer Empfehlungen bekommt der Patient mit Befunden für nachbehandelnde Therapeuten und Ärzte bereits am Tag der Entlassung aus der geriatrischen Rehabilitation mit. Bei der anschließenden Führung konnten wir uns mit einem zufriedenen Patienten unterhalten und verschiedene Therapieräume ansehen. Nach diesem positiven Eindruck bedankten wir uns bei Herrn Dr. Kraft für die freundliche Vorstellung seiner Klinik. | |