14.01.2002 - Vortrag von Dr. Krappmann und Dr. Müller, beide vom Klinikum Staffelstein
Thema: Die Entwicklung des Gehirns, der Weg vom Gedanken zur Bewegung

Dr. Friedemann Müller, der leitende Abteilungsarzt der Neurologie im Klinikum Staffelstein beginnt den Vortrag mit einer Erläuterung des Gehirns.
Der menschliche Hirnstamm hat etliche Parallelen zum Tier, dort werden Basisfunktionen wie der Herzschlag, Atmung und Ähnliches gesteuert. Der hintere Schädellappen unterstützt vorrangig das Sehen während im vorderen Schädellappen die höheren menschlichen Empfindungen ihren Hauptsitz haben. Es gibt auch Ausnahmen. Bei einer Frau wurde bei einer Untersuchung festgestellt, dass sie (vermutlich seit Geburt) nur eine Gehirnhälfte hat. Trotzdem ist sie nie aufgefallen, die Funktionalität wurde daher von einer Gehirnhälfte geleistet.
Das Gehirn reagiert bei gleicher optischer Wahrnehmung unterschiedlich. Bei verschiedenen Grafiken erkannten unterschiedliche Personen nicht immer das gleiche Bild, erst nach einer Erklärung waren diese Personen in der Lage, das zweite im Bild enthaltene Motiv zu erkennen. (z.B. Krug/Gesichter, alte/junge Frau). Das Gehirn erfasst auch die Perspektive, um Größen zu vergleichen. Eine Person, die in einem Foto in absolut gleicher Größe einmal im Vordergrund und einmal im Hintergrund abgebildet ist, kann der Betrachter nicht als gleich groß erfassen. Das eigentliche Sehen ist ein vom Auge erfasster Helligkeitsunterschied, der beim Auftreffen auf lichtempfindliche Sehnerven in elektrische Impulse umgesetzt wird. Durch gemeinsame Entladungsmuster kann das Gehirn dann Zusammengehörigkeitsinformationen erkennen und aus einzelnen Bildpunkten wird ein Bild erzeugt.
Die Nervenzellen passen sich auch Erfahrungen an. Bei einem Experiment mit zwei Ratten in einem Standardkäfig wurde eine Ratte absolut in Ruhe gelassen, während die andere sehr aktiven Umgebungseinflüssen ausgesetzt war. Bei späterer Untersuchen ergab sich, dass die in aktiver Umgebung lebende Ratte wesentlich mehr Nervenverästelungen hatte. Das zeigt eine Anpassungsfähigkeit des Gehirns an seine Anforderungen und im Gegenzug eine Steigerung seiner Leistungsfähigkeit durch massives Training.
Genauso kann man heute auch schon aktive Hirntätigkeit messen und darstellen. Bei einer Versuchsperson ließ sich in folgenden Umgebungen eine stark steigende Hirntätigkeit messen: ruhige Umgebung mit geschlossenen Augen, weißes helles Licht, aktive bewegte Umgebung.
Nach einer Amputation nicht mehr beanspruchte Nervenzellen können auch auf Aktionen der nachbarlichen Nervenzellen reagieren und dann auch in nicht mehr vorhandenen Gliedmaßen Empfindungen (u.a. Schmerzen) auslösen. Das nennt man auch Phantomschmerz.
Nach neuesten Erkenntnissen wurde bei mit L-Dopa behandelten Patienten eine positive Beeinflussung der Neugestaltung des Gehirns nachgewiesen. Dieses Medikament wird in hohen Dosen auch bei Parkinson-Patienten verwendet. Im Klinikum Staffelstein wird es seit Oktober 2001 eingesetzt. Ganz wichtig dabei ist aber, dass es nur einen Erfolg geben kann, wenn man das Gehirn trainiert und das Medikament zur Unterstützung nimmt, denn ohne Training hat es keine Vorteile!!!

Dr. Paul Krappmann möchte nun weiter auf die Funktionalität eingehen. An einem Beispiel erläutert er subjektives Erinnern. Vier verschiedene Menschen betrachten ein Bild, doch jeder behält es anders in Erinnerung, da jeder es mit anderen eigenen Erfahrungen in Verbindung bringt. Einer sieht den bedrohlichen Charkter, einer die Personen oder auch nur die Maltechnik oder die Bildgröße. Im Laufe der Zeit werden die Erinnerungen auch subjektiv gefärbt, da die persönlichen Eindrücke sich dann verstärken.
Wir haben ca. 100 Milliarden Nervenzellen im Gehirn, jede davon hat bis zu 10.000 Verbindungen zu anderen Nervenzellen, dadurch hat jeder Mensch ca. 100.000 Kilometer Nervenzellen-Netzwerk im Gehirn.
In diesen neuronalen Netzwerken entstehen durch gemeinsame Aktivität von Nervenzellen Erinnerungen.

Man unterscheidet:
Episodisches Gedächtnis: Biografie, Ereignisse
Wissenssystem: Schule, Grundwissen (sozusagen Basisablage)
Prozedurales Gedächtnis: Fahrradfahren, Instrument spielen, Schwimmen
Priming: unbewusstes Speichern, zur Handlungserleichterung

Jedes Lernen verändert die Struktur des Gehirns. Großer Stress oder ein traumatisches Ereignis kann das Gehirn dann überfordern und zum Streiken bringen.

Bei Alzheimer nehmen das Gehirnvolumen und die Aktivitätsmuster drastisch ab. Das hat den Verlust von Gedächtnis und der Persönlichkeit zur Folge.

Auch bei Erwachsenen können Hirnzellen neu wachsen, das wird aber vorrangig durch Lernen und Bewegung erzielt. Positiv wirkt sich auch Gedächtnistraining (Gehirnjogging) aus, aber bitte nicht nur Kreuzworträtsel, das ist kein lernen sondern nur erinnern.

Nun ein paar Tips zu einem besseren Namensgedächtnis:
1 Es muß ein Interesse für die Person vorhanden sein.
2 Einzelheiten, Merkmale einer Person besonders merken.
3 Oft mit Namen ansprechen, dann prägt sich dieser besser ein.

Motto: Nehmen Sie sich Zeit für Ihr Gehirn!

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