11.09.2000 - Vortrag von Herrn Bernd Frittrang, Klinischer Linguist (Sprachtherapeut) Fachklinik Bad Rodach, Thema: Sprech- und Sprachstörungen bei neurologischen Erkrankungen

Auf Anfrage von Frau Schmitz erklärte sich Herr Frittrang spontan zu einem Vortrag über Sprech- und Sprachstörungen bereit.Trotz umfangreicher Werbung fanden sich leider nur 3-4 neue "Gesichter" ein. Herr Frittrang meinte dazu, daß es nicht auf die Masse sondern auf das Interesse des Publikums ankäme, und das war nun wirklich groß.
Nun zum Vortrag:
Die Ziele der Sprachtherapie bei Sprech- und Sprachstörungen im Zusammenhang mit neurologischen Erkrankungen bestehen vorrangig darin, den alten Zustand wieder herzustellen. Sollte das nicht möglich sein, müssen die vorhandenen Funktionen bestmöglich gestärkt werden. Gibt es nun keinerlei sichtbaren Erfolg, dann werden andere Strategien ausgearbeitet, um zumindest eine alternative Kommunikation durch Mimik und Gestik zu erzielen und zu fördern.
Die Kommunikationsstörungen bei neurologischen Erkrankungen unterscheiden sich in Aphasie und Dysarthrie. Bei der Aphasie sind Sprechen und Verstehen beeinträchtigt. Die Dysarthrie ist eine reine Sprechstörung, Verstehen und Grammatik funktionieren, aber die Aussprache ist gestört, das heißt schwer oder gar nicht verständlich.
Wir beschäftigen uns vorrangig mit Aphasie. Der Begriff stammt aus dem Griechischen und bedeutet soviel wie "ohne Sprache". Sie ist häufig die Folge eines Schadens einer Gehirnhälfte, verursacht durch Unfall oder Schlaganfall. (Meistens ist das Sprachzentrum in der linken Gehirnhälfte, aber bei ca. 30-50% der Linkshänder sitzt es rechts.) Es entstehen Störungen der Wortfindung, der Wortbedeutung, der Grammatik und des Sprachverstehens. Es kann auch zu Schwierigkeiten beim Verarbeiten von Zahlen kommen, das Rechnen fällt dann schwer.
Achtung: Sprachstörungen, die durch Entwicklung, Umgebung oder Taubheit hervorgerufen wurden, sind keine Aphasie.
Wie kommuniziere ich mit einem Aphasiker?
Vorrangig sollte man sich auf einfache Sätze beschränken; bei Fragen die Antwort immer als Ja/Nein-Möglichkeit, keine Oder/Fragen stellen. Wortgeflechte und verschachtelte Sätze können Aphasiker verunsichern, Teilbereiche werden dann durcheinander gebracht. Während des Gespräches immer das Verständnis erfragen. Der Aphasiker läßt sich manchmal auch unbewußt zu gesuchten Worten hinführen: Zum Lesen brauche ich meine ... (Brille).
Bei der alternativen Kommunikation zeigt der Aphasiker z.B. auf das Bild mit der Brille und diese muß dann von dem Gesprächspartner geholt werden. (oder das Fenster geöffnet oder geschlossen werden usw.) Solche Übungen müssen dann zur Festigung aber auch oft trainiert werden und der Helfende darf auch beim zehnten Mal "Brille holen" nicht die Geduld verlieren.
Zum Ablauf sollte man hinzufügen, daß frühestmöglich nach dem Eintritt der Aphasie dagegen vorgegangen werden muß. Die Anfangsphase der ersten 3-6 Monate ist dort sehr wichtig, da sich dann leichter "verschüttete Erinnerungen" reaktivieren lassen. Später werden die Fortschritte immer langsamer, aber man sollte die Hoffnung nie aufgeben und das ganze Training mit sehr viel Geduld fortsetzen.
Auch in der Musiktherapie sieht Herr Frittrang viele Möglichkeiten.
Manche Menschen können Wörter singen und der Wortmelodie eher ein Verständnis zuordnen.
Wenn ein Aphasiker allerdings ein altes Lied teilweise mitsingen kann, so sind das mehr unbewußte Verbindungen, die nur selten beim Sprachverstehen helfen können.
Trotzdem aktiviert die Musiktherapie auch sehr in sich zurückgezogene Menschen, die durch ihre Reaktion auf die Musik aufgeschlossener mitarbeiten.
Auf die Frage, warum in der Fachklinik Bad Rodach kein Musiktherapeut arbeitet, schließlich ist das ja laut allgemeiner Presse stark im Kommen, erwiderte Herr Frittrang, daß er diesen Vorschlag gerne demnächst in Bad Rodach zur Debatte stellen möchte.
Wir danken Herrn Bernd Frittrang für seinen informativen Vortrag.
Herr Frittrang steht unter seiner EMail-Adresse B.Frittrang@klinikum-bad-rodach.de gerne zu weiteren Auskünften zur Verfügung. Ebenso wollen wir hier auch noch einmal auf die Internetadresse Klinikum-Bad-Rodach.de hinweisen.

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