09.07.2001 - Vortrag von Dr. Hendrich
Thema: Medikamente nach dem Schlaganfall und Alternative Medizin


Kann sich das Gehirn nach einem Schlaganfall wieder regenerieren? Die Antwort lautet seit wenigen Jahren:
„Ja“!

Entgegen der althergebrachten Meinung, dass im Laufe des Alterns die Zellen nur abbauen, scheint nun bewiesen, dass im Gehirn aller Lebewesen täglich viele Tausend Nervenzellen „geboren“ werden und Tausende den Zelltod sterben.
Inzwischen ist auch mehr über die Funktion von Nervenzellverbänden bekannt geworden. Das Gehirn greift auf Bewegungsmuster zurück, um Reaktionen zu erzielen. Man könnte die Nervenzellen als Hardware und die Bewegungsmuster als Software betrachten. Wenn die Hardware einmal zerstört ist, kann sie evtl. durch benachbarte Areale und zukünftig vielleicht durch Wachstumsanregungen ersetzt werden, aber die Software (Bewegungsmuster) muß immer neu erlernt werden.
Heute gibt es noch nicht das Rüstzeug, z. B. die nach Schlaganfall erforderliche regenerative Neubildung der Nervenzellen zu steuern oder gar zu forcieren. Aber es sind schon etliche beeinflussende Faktoren bekannt:
z. B. hemmt Streß die Produktion neuer Nervenzellen. Auch das Streßhormon Cortison
scheint das Zellwachstum zu hemmen.

Zumindest experimentell gibt es Wege zur positiven Beeinflussung der Neurogenese (Ausreifung von Nervenzellen aus Stammzellen):
Streßarme, anregende Umgebung (was wir tun, sollte mit Freude geschehen). Körperliche Aktivität – „Laufen ohne zu schnaufen“. Im Idealfall sollte man einmal in der Woche eine Stunde, besser noch zweimal die Woche eine halbe Stunde laufen, so dass sich der Puls leicht erhöht, aber man nicht gleich zum Umfallen erschöpft ist.
Als Umgebung empfiehlt sich ein leicht ansteigender Waldweg, der mit gesunder Luft und schöner Umgebung auch Lunge und Geist die nötige Entspannung bietet. Die zusätzliche Energieverbrennung (trainingsbedingt) ist dabei nützlich. Körperliche Aktivität reduziert das Schlaganfallrisiko um bis zu 40 - 50 %! Bei körperlicher Höchstleistung in untrainiertem Zustand werden aber toxische Radikale produziert, die dann Zellen zerstören.
Außerdem gibt es zugelassene Psychopharmaka, welche die Neurogenese, zumindest experimentell, positiv beeinflussen können:
Antidepressiva vom SSRI-Typ wirken auf den Serotoninstoffwechsel (z. B. Cipramil 40 mg, Seroxat 40 mg, Fluctin 20 mg, nicht vollständig).
NMDA-Antagonisten beeinflussen den Glutamatstoffwechsel (z. B. Akatinol memantine 10 mg oder PK-Merz 100 mg, nicht vollständig).
Man muß aber beachten, dass bei diesen Medikamenten die Neurogenese nur ein möglicher Nebeneffekt ist, die systematische Erforschung dieser Effekte noch aussteht und für einen evtl. Erfolg die Einnahme über längere Zeiträume (Monate, wenn nicht gar Jahre) erforderlich ist.

In der Primär- und Sekundärprophylaxe von Hirninfarkten spielt das „metabolische Syndrom“ eine große Rolle.
Das „metabolische Syndrom“ ist der Feind einer guten Hirndurchblutung und Hirnfunktion. Das metabolische Syndrom zeichnet die Risikofaktoren Bluthochdruck (Hypertonie), Diabetes mellitus und Hypercholesterinämie (häufig mit Übergewicht kombiniert).
Hypertonie (Bluthochdruck): Empfohlen werden systolische Werte bis 140 mmHg, diastolische Werte bis 90 mmHg.
Diabetes mellitus: Nüchtern Glucosewert maximal 126 mg/dl.

„Hypertonie und Diabetes mellitus beeinflussen die kognitiven (ausgewogenen) Leistungen“ (Neurologie 56, 2001).

Nach Public Health 2001 können folgende Risikofaktoren für Herz/Kreislauferkrankungen genannt werden:

• Alltagsbelastungen
• Gesamtcholesterin
• HDL-Cholesterin
• nicht ausreichend behandelter systolischer Blutdruck
• Rauchen

LDL-Cholesterin: Optimale Werte unter 100 mg/dl (häufig nur medikamentös zu erreichen)
HDL-Cholesterin: Über 40 mg/dl
Triglyzeride: Bis maximal 200 mg/dl

Demnach werden zusätzliche medikamentöse Behandlungen bei einem
LDL-Spiegel > 160 mg/dl empfohlen, wenn ein coronarer Risikofaktor vorliegt
LDL-Spiegel >130 mg/dl, wenn zwei Risikofaktoren vorhanden sind
LDL-Spiegel > 100 mg/dl, wenn eine coronare Herzkrankheit und ein Risikoäquivalent vorliegen (z. B. Diabetes mellitus)

In der Prophylaxe werden ab dem 20. Lebensjahr alle fünf Jahre ein Nüchternlipidprofil aus Triglyzeriden, LDL-Cholesterin, HDL-Cholesterin und Gesamtcholesterin empfohlen.

Medikamentös stehen heute die sog. Statine zur Beeinflussung des Fettstoffwechsels und damit indirekt zur Beeinflussung der Arteriosklerose zur Verfügung (z. B. Atorvastatin, Pravasin).
Blutverdünnend werden Medikamente je nach medizinischer Indikation in der
Primärprophylaxe eines Hirninfarktes (bei absoluter Arrhythmie mit Vorhofflimmern) und in der Sekundärprophylaxe des Hirninfarktes eingesetzt. Die wichtigsten Wirkstoffgruppen sind hier Acetylsalicylsäure (Aspirin), Clopidogrel und Marcumar.
Erwähnt werden soll, dass die Kosten der Medikamente erheblich variieren und um in der
Sekundärprophylaxe einen erneuten Schlaganfall zu verhindern, medikamentöse
Behandlungskosten von 30 - 120.000 DM pro Jahr aufgebracht werden müssen. Ist eine Antikoagulation notwendig (Marcumar) wird häufig der Quick-Wert zur Kontrolle der Blutgerinnungsfähigkeit verwendet. Allerdings wird der Quick-Wert zunehmend durch den besser standardisierten INR-Wert abgelöst (INR-Wert ist labor- und methodenunabhängiger). Ein INR-Wert von 1 ist normal, häufig wird ein INR-Wert zwischen zwei und drei in der Blutverdünnung angestrebt.

Nun zum zweiten Teil des Vortrages, den alternativen und ergänzenden
Behandlungsmöglichkeiten nach Hirninfarkten:

Einleitend soll gesagt werden, dass ein „Schulmediziner“ einerseits nicht die vollständige Kompetenz besitzt, um alle Altemativen und ergänzenden Heilmethoden vollständig zu bewerten und andererseits für diese Methoden häufig wenig exakte wissenschaftliche Untersuchungen vorliegen.

Alternative Heilmethoden stellen heute ein sehr breites Spektrum therapeutischer Angebote dar:
Dieses reicht von der Aromatherapie über die Blütentherapie und chinesische Medizin, über die Homöopathie, die Kinesologie, Yoga, Neuraltherapie bis zur traditionellen Medizin, um nur einige dieser möglichen Angebote zu nennen.
Die Frage nach der „Alternative“ ist somit einerseits der berechtigte Wunsch über den Tellerrand des eigenen Denksystems hinauszuschauen.
Andererseits beinhaltet diese Frage immer auch spirituelle Aspekte im Sinne eines Erlösungswunsches.
Methodenkritisch muß angemerkt werden, dass beim Patienten (Konsumenten) häufig eine
passive Erwartungshaltung zur Alternativmedizin führt. Der Grundgedanke ist hier „ich
probiere etwas anderes aus, es wird mir schon nicht schaden“. Anders ausgedrückt heißt das aber auch „wasch mich, aber mach mich nicht naß“.
Die Schulmedizin (Lehrmeinung) wird häufig als autoritäres System empfunden. Da die Angebote der Schulmedizin zur Heilung von Beschwerden aber häufig „offensichtlich versagen“, werden andere Wege gesucht, um die Bedürfnisse nach Lust, Glück und harmonischer Geborgenheit zu befriedigen.

Zu den Methoden der traditionellen Medizin gehören Ayurveda, Heilpflanzen, Homöopathie und Reiki. Beispielhaft sollen Reiki und weitere Methoden etwas näher beleuchtet werden:

Was ist Reiki?
Reiki ist eine uralte Kunst mit den Händen universelle Lebenskraft ausstrahlen zu lassen. Diese einfache Technik wurde im 19. Jahrhundert von dem Japaner Mikao Usui wiederentdeckt und von der Japanerin Hawajo Takata nach Hawai und die USA gebracht. Das japanische Wort Reiki (universelle Energie) mag uns fremd sein, nicht aber die Idee, da das christliche Ethos sich auf Jesus beruft, der anderen die Hände aufgelegt hat. Reiki (sprich: Reekii) ist eine sehr alte Heilmethode, die universelle Energie dem Körper zur Selbstheilung zur Verfügung stellt.
„Reiki findet die Ursache der physischen Symptome, gleicht die benötigten Schwingungen aus bzw. füllt diese mit Energie auf, so dass die Gesundheit wiederhergestellt werden kann“ (Dr. Chujiro Hayashi).
Die universelle Energie regt den Körper zur Selbstheilung an, indem sie Körper, Geist und Seele harmonisiert. Die Methode beruht auf Erfahrung und ist wissenschaftlich schwer nachweisbar. Sie ist eine ergänzende Heilmethode, welche nicht den Arzt ersetzt, aber häufig zu einer weiteren Beschwerdelinderung führt.

Einige Anmerkungen zur Akupunktur:
In einer randomisierten (Zufallsauswahl) und kontrollierten Studie (Stroke 2001, Mar 32, 3: 707 - 713) erzielte Akupunktur nach drei Monaten und einem Jahr keinen positiven Effekt auf die funktionelle Erholung von Lähmungserscheinungen oder die Lebenszufriedenheit der Betroffenen. Im wesentlichen wird Akupunktur heute als komplementäre Methode mit Anwendungsmöglichkeiten z. B. in der Schmerztherapie betrachtet.

Auf Fragen eines Zuhörers erfolgte zum Ende des Vortrages ein weiterer Hinweis zur Anwendung des Medikamentes Botulinumtoxin:
Botulinumtoxin wird in die Muskulatur eingespritzt und führt zu einer künstlichen Abschwächung vermehrt aktivierter Muskulatur, so wie es bei der Spastik vorliegt. Durch diese Anwendungen kann die Muskulatur gelockert werden, die Spastik wird gelöst. Leider können jedoch nur in wenigen Fällen funktionelle Fortschritte durch die Therapie erzielt werden. Gelegentlich gelingt es, dass durch eine Lockerung der Spastik Übungen mit bleibendem funktionellem Nutzen besser durchgeführt werden können.
Allerdings kostet eine Behandlung zwischen DM 700 und DM 1.200. Der Behandlungseffekt hält ca. ein halbes Jahr vor und muß danach wiederholt werden. Eine Kostenübernahme sollte in jedem Fall vorher eingeholt werden.

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